Individualität und strukturelle Veränderungen – Alev und ihr Propädeutikum

Vor rund drei Jahren bewarb ich mich an der Universität Bielefeld, um dort Soziologie zu studieren. Relativ schnell wurde mir bewusst, dass sich das Studium sehr von der Schulzeit unterscheiden würde.
Die erste Veranstaltung fand in einem Hörsaal der Universität statt. Mit mehr als 300 Studienanfänger_innen war der Saal überfüllt. Was mich anfangs beruhigte, war die Tatsache, dass ich nicht die einzige war, die sich zu Beginn überfordert fühlte. Kaum jemand wusste, was es heißen würde, Soziologie zu studieren.
In der Erstiwoche wurden die ersten Freundschaften geknüpft, zusammen wurden Stundenpläne erstellt und allmählich fand man in den Studienalltag hinein. Die Vorlesungen waren meist überfüllt. In den kommenden Semestern fiel es mir leichter, mich für Seminare einzutragen, denn nach und nach bildete sich ein gewisses Interesse für bestimmte Themenfelder heraus. Ich liebte es, über Handlungstheorien zu diskutieren. Ich belegte ein Seminar zu Erving Goffman und tauchte in seine Gedankenwelt ein. An einem Abend traf ich mich mit Freunden, wir unterhielten uns über verschiedene Theorien. Ich stellte fest, wie sich mein Gedankensystem verändert hatte. Überall sah ich Selbstinszenierungen, Fassaden und Rollen. Ich merkte, wie ich mich von der Rational-Choice-Theorie distanzierte, weil ich den Menschen nicht als homo oeconomicus sehen wollte. Ich belegte ein Seminar zu Luhmann und seine Systemtheorie, um auch seine Ansätze besser verstehen zu können.

Was mich jedoch am meisten interessierte, waren die sozialkonstruktivistischen Denkansätze, weil sie mir dabei halfen, soziale Phänomene für mich begreiflich zu machen. „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Berger und Luckmann war ein Buch, das mich fesselte. Im Seminar zur ‚Einführung in die Sozialanthropologie’ lernte ich Frederik Barths ‚Ethnic Groups and Boundaries‘ kennen und mit diesem konstruktivistischen Ansatz versuchte ich das Phänomen der ‚ethnischen Identitätskrise türkischer Einwandererkinder der dritten Generation‘ zu beleuchten.

Nach 3,5 Jahren des Studiums hatte ich das Gefühl, allmählich zu wissen, in welchen Bereich ich mich spezialisieren möchte. Der Begriff der ‚Kultur‘ stand hier im Vordergrund. Im Studienangebot der Universität Oldenburg bemerkte ich den Masterstudiengang ‚Kulturanalysen‘. Ich informierte mich näher dazu und bewarb mich.

Ich wusste, dass sich der Master vom Bachelor unterscheiden würde, doch der Universitätswechsel machte den Unterschied um einiges größer. Am Anfang der Bachelorzeit hatte man noch einen ‚Bambistatus‘. Die Erstsemestler fielen in der großen Masse an Studierenden auf. Sie hatten diese großen aufgerissenen Augen und schienen verloren und orientierungslos, während bei allen anderen eine Gewohnheit zu beobachten war. Im Master zähle ich nicht mehr zu den Erstsemestlern, dennoch habe ich mich in der neuen Uni-Umgebung gefühlt wie eine.
Einen Tag vor der ersten offiziellen Veranstaltung bin ich gemeinsam mit meiner Schwester an die Uni gefahren, um wenigstens den Raum zu finden, an dem die erste Veranstaltung stattfinden sollte. Die Räumlichkeiten unterschieden sich stark von der Universität Bielefeld. Das erste, was mir ins Auge stach, als wir den Trakt der ‚Materiellen Kulturen‘ betraten, war der riesengroße pinke Plüschball – ich dachte: „Oh Gott, wo bin ich hier gelandet?“
Ebenfalls war mir bewusst, dass wir nur eine kleine Gruppe sein würden, die gemeinsam im Sommersemester starteten.
Vor der ersten Veranstaltung lernte ich Merle im Copyshop kennen. Wir beide ließen unsere Poster ausdrucken, die wir präsentieren sollten. Gemeinsam gingen wir dann in das Schriftenarchiv, was die kommenden Wochen ‚unser‘ Raum sein würde. Dort lernte ich dann schließlich auch Mareike und Aaron kennen. Die Einführungsveranstaltung diente der strukturellen Einführung in den Master der Kulturanalysen.

Ich fing an, die alte Struktur des Bachelors zu vermissen. Ich hatte mich an sie gewöhnt und sie mir eigen gemacht. Jetzt würde ich mich wieder umgewöhnen müssen, doch so hatte ich es mir ausgesucht. Ich merkte für mich selbst, wie ich ständig die Universitäten miteinander verglich. Das war neu für mich. Normalerweise bin ich immer offen für etwas Neues, aber in diesem Fall schien ich mich gegen das Neue zu wehren.
Alles war so ‚individuell‘, auch das war ich nicht gewohnt. Ich hatte Seminare belegt, die für 25 Personen ausgelegt waren, doch mit knapp 40 Teilnehmern ständig überfüllt. Nach und nach kamen nur noch wenige zu den Veranstaltungen und so konnten die Seminare mit einer durchschnittlichen Anzahl von 20 Teilnehmern fortgeführt werden.
Der Master Kulturanalysen beginnt für uns Teilnehmer mit dem Propädeutikum. Hier lernen wir nicht nur einander kennen, in einer Dauer von zwei Monaten erarbeiten wir gemeinsam ein Projekt und in diesem Kontext lernen wir das Denksystem und die Methoden der Kulturanalysen kennen. Schließlich sind wir alle aus verschiedenen Fachbereichen und müssen zunächst einen gemeinsamen Nenner finden.
Die Gruppenarbeit läuft sehr harmonisch. Die ersten Rituale kristallisieren sich heraus, so machen Merle und ich uns immer erst einen Kaffee bzw. Tee, bevor es an die Arbeit geht. Je nachdem was für den jeweiligen Tag geplant ist, arbeiten wir mal an den Texten, am Blog oder unterhalten uns.
Nach und nach bildet sich eine neue Struktur heraus, die nicht schlecht ist, sondern nur anders. Ich lese die Texte intensiver, was ich eigentlich schon im Bachelor tun wollte und mein Denkmuster entwickelt sich in diesem Zusammenhang wieder in eine neue Richtung, in der ‚Gegenstände‘, ‚Material‘ oder ‚Dinge‘ einen größeren Stellenwert haben.

Insofern sind die neuen Strukturen nicht schlechter, sie sind nur anders und immer eine Gewöhnungssache, die auch ihre positiven Seiten haben – man muss nur offen dafür sein, sie zu entdecken.

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