Roland Barthes

In Roland Barthes Arbeitszimmer hatte jeder Gegenstand eine feste Bestimmung und einen festgelegten Platz. Ein Schreibtisch, an dem er schrieb, ein Bett, in dem er ruhte und ein Stuhl auf dem er seine 11 Uhr-Zigarre genoss. Die Einrichtung in seinem Pariser Arbeitszimmer glich derjenigen in seinem zweiten Haus in der französischen Provinz im Detail. In diesem Sinne war Roland Barthes wohl wörtlich genommen ein Strukturalist.

Vielleicht brauchte er diese eindeutige Struktur, wo doch schon die Frage nach seiner Berufsbezeichnung alles andere als eindeutig war. Philosoph? Soziologie? Schriftsteller? Literaturkritiker? Wissenschaftler? Barthes folgte nicht der klassischen akademischen Laufbahn, erhielt später aber einen eigenen Lehrstuhl am renommierten Collége de France.

Auch in der Wahl seiner Interessengebiete zeigte er sich auf den ersten Blick wechselhaft. Der neue Citroen DS, französische Illustrierte, Steaks und Pommes Frites – eine scheinbar zusammenhangslose Aneinanderreihung natürlicher Alltagsphänomene, die für Barthes jedoch eine wichtige Gemeinsamkeit aufwiesen: Sie trugen über ihren Zweck auch ein Bedeutungen, die es zu entziffern galt. Dieses Zeichenlesen beschäftigte Barthes bei aller intellektuellen Varianz sein ganzes Leben lang. Er fragte sich, wie durch quasi-natürliche Phänomene Sinn, Bedeutung, Wahrheit und Wirklichkeit konstruiert wird – kurz: Was ist ihr Mythos?

Roland Barthes wurde in die Wirren des Ersten Weltkrieges hineingeboren. Seinen Vater lernte er nie kennen, er starb ein Jahr nach seiner Geburt während einer Seeschlacht in der Nordsee. Unter großen finanziellen Nöten wurden er und sein Bruder nur von der Mutter aufgezogen, mit der er bis zu ihrem Tod im Jahr 1977 zusammen lebte. Sein enges Verhältnis zu ihr behandelte er in dem drei Jahre später erschienen Essay Die helle Kammer. Von seiner Homosexualität erzählte er ihr nie.

Barthes studierte an der Pariser Sorbonne klassische Literatur, stellte sich aber stets gegen die im akademischen Betrieb gelehrten Methoden der Literaturwissenschaft. Zusammen mit Michel Foucault, Jaques Derrida und Gérad Genette schrieb er für die avantgardistische Literaturzeitschrift Quel Tel. Nach zahlreichen Anstellungen in Ungarn, Rumänien und Ägypten wurde er an das Collége de France berufen, wo er Literarische Semiologie lehrte.

Im Alter von 65 Jahren wurde er in einen Unfall mit einem Kleintransporter verwickelt, an dessen Folgen er starb. Die Entzifferung von Alltagsphänomenen der 1980er, -90er und des neuen Jahrtausends blieben fortan anderen überlassen. Was er wohl zu Macbook, Craft Beer oder Airmax gesagt hätte.

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