Cultural Turns

Ein kurzer Überblick über die vielen Turns, die die Kultur- und Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Anschließend kannst du in einem kleinen Quiz hier dein Wissen zu den Cultural Turns testen.

Ausgehend vom Linguistic Turn haben seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unter dem Begriff TURN „bahnbrechende Orientierungswechsel“ in den Kultur- und Sozialwissenschaften stattgefunden. Die Vielzahl der auftretenden Theoriewenden ruft auch kritische Fragen hervor. Etwa inwieweit die Kulturwissenschaften ihre Triebkraft überhaupt noch aus Turns gewinnen können, oder wie inflationär das Label Turn im „zunehmenden Wettlauf um symbolisches Forschungs-Kapital“ genutzt wird (Bachmann-Medick, 2010, S. 2).

Doris Bachmann-Medick schlägt vor, aktuelle und künftige Turns daraufhin zu überprüfen, ob sie über ihr Vermögen hinausgehen „bisher unbeachtete Untersuchungsfelder zu entdecken“, sondern auch ein Umschlagen des Forschungsgegenstandes hin zu einer „disziplinenübergreifenden konzeptuell-methodischen Analysekategorie“ bewirken (S. 4).

Dementsprechend definiert sie den Begriff Turn als „ein Umschlagen des Forschungsgegenstandes hin zu einer Analysekategorie“. Das bedeutet, dass die Beschreibungsbegriffe nicht mehr OBJEKTE, sind, die Beschrieben werden, sondern zu ERKENNTNISMITTEL, mit denen Beschrieben werden kann. Hierbei ist keine Fortschrittsachse zu erkennen, vielmehr existieren Turns nebeneinander und gleichzeitig.

Eine Auswahl der wichtigsten Cultural Turns

Linguistic Turn

  • Die Welt in Sprache verstehen
  • Behauptet Sprachabhängigkeit jeder Erkenntnis
  • Sprache als unhintergehbare Basis aller Wirklichkeitswahrnehmung

Interpretive Turn

  • Kultur als Text verstehen
  • es geht nicht darum, Texte zu interpretieren, sondern mit Text als Analysekategorie kulturelle Bedeutungszusammenhänge zu erschließen

Performative Turn

  • Die Welt in Ritualen verstehen
  • es geht nicht darum, Rituale als solche zu definieren, sondern diese als Analysekategorien zu nutzen, mit deren Hilfe die Inszenierungsseite des sozialen und politischen Handelns erkennbar wird
  • Performativität öffnet die Augen für die symbolische Wirkungsmacht von Darstellung, Ausdruck und Aufführung in historischen Prozessen

Postcolonial Turn

  • nutzt die global asymmetrischen Machtverhältnisse als Analysekategorie um kulturelle und wissenschaftliche Praktiken und Wissenssysteme zu untersuchen
  • ermöglicht eine Diskurskritik, die Machtasymmetrien „überhaupt“ aufdeckt

Iconic/Pictoral Turn

  • Die Welt in Bildern verstehen
  • Mitte der 90er Jahre
  • es geht nicht um ein erkennen von Bildern, sondern um ein erkennen durch Bilder

Spatial Turn

  • Herausbildung eines neuen Raumverständnis
  • Früher: Container-Vorstellung (Raum als Behälter von Traditionen, Identität, etc.)
  • Neu: Raum als Gestaltungsfaktor sozialer Beziehungen
  • nimmt auch das raumbezogene Denken in den Blick
  • Spatial-Turn erweist sich auch als material-turn, als „Rückgewinnung von Materialität“

Translational Turn

  • Übersetzung als Analysekategorie (reicht über Text- und Sprachübersetzung hinaus)
  • Augenmerk auf Vermittlungsprozesse, Übergänge, Ebenenwechsel und Brechungen im Kulturenkontakt

Bachmann-Medick, Doris, ‚Cultural Turns, Version: 1.0, in: Docupedia Zeitgeschichte, 29.03.2010.

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