Antonio Gramsci

Antonio Gramsci hatte es nicht leicht. Geboren 1891 auf Sardinen hatte er Zeit seines Lebens mit einem Fehlwuchs im Rücken zu kämpfen. Sein Bruder hing ihn oft stundenlang an einem Seil auf, um seinen verbogenen Rücken, der einfach nicht wachsen wollte, gerade zu biegen. Doch es hilft nichts. Ab einer Größe von 1,50 Meter wächst sein Körper nicht mehr weiter. Später im Gefängnis möchte ein Mithäftling nicht glauben, dass der kleine Mann, der vor ihm steht, der „große“ Antonio Gramsci sein soll. Der sei nämlich ein Riese.

Ein kleines Stipendium ermöglicht Gramsci im Jahr 1911 ein Studium in Turin, dass er unter größten Entbehrungen absolviert. Kraft gibt ihm ausgerechnet die kräftezehrende Arbeit am Aufbau der Kommunistischen Partei Italiens. Diesem Ziel ordnet er alles unter. In einem Brief an seine Schwester schreibt er über diese Zeit: „Ich habe in den letzten Jahren nie gelacht. Aber ich habe auch nie geweint.“

Gramsci betätigt sich als Journalist, Feuilletonist und politischer Theoretiker. Als Redakteur lässt er auch den jungen Sozialisten Benito Mussolini Artikel verfassen. Schließlich wird Gramsci sogar zum Abgeordneten ins italienische Parlament gewählt. Doch die Zeiten für einen aktiven Kommunisten in Italien entwickeln sich mit dem Siegeszug der faschistischen Bewegung unter Mussolini zunehmend zum Schlechteren. Spätestens seit der Machtergreifung der Faschisten im Jahr 1922 weiß Gramsci, dass er sich in größter Gefahr befindet. Jederzeit rechnet er damit, von Mussolinis Schergen verprügelt, verhaftet oder gar ermordet zu werden. Doch Gramsci bleibt stur, bleibt in Italien und setzt seine kommunistische Arbeit fort.

Im Jahr 1926 wird Gramsci schließlich verhaftet. Bis zu seinem Tod im Jahr 1937 wird er nichts anderes als die Mauern zahlloser Gefängnisse zu Gesicht bekommen. Zwar ist Gramsci damit aus dem öffentlichen Leben verschwunden, aber Mussolinis Versuch, den widerspenstigen Intellektuellen mundtot zu machen, scheitert kolossal. Am Ende der fast elfjährigen Haft, ist eines der einflussreichsten Werke zur marxistischen Theorie entstanden, dass noch heute die Arbeit von Philosoph_inne, Soziolog_innen, Literaturwissenschaftler_innen und Politiker_innen prägt.

Die Leistung ist ungeheuerlich. Unter größten körperlichen Belastungen und ohne eine zur Verfügung stehende Bibliothek beschreibt Gramsci zwischen 1926 und 1936 fast 3000 Seiten auf gewöhnlichen Schulheften. Er zitiert aus dem Kopf, kann nur durch Briefe auf die Realität außerhalb der Gefängnismauern zugreifen und muss immer davon ausgehen, dass womöglich niemals jemand diese Hefte zu Gesicht bekommen wird.

Doch Gramscis Schwägerin Tatjana Schucht kann die Hefte unbehelligt nach Moskau bringen. Von dort aus werden sie schließlich herausgegeben. Da ist Gramsci jedoch schon seit acht Jahren tot.

Hegemonie

Gramsci ging anders als in der gängigen Marx-Interpretation davon aus, dass der Übergang zum Sozialismus keine unumstößliche Tatsache ist, sondern konkrete Praxis erfordert. Doch wie soll das geschehen?Als Grundproblem zieht sich durch die Gefängnishefte eine entscheidende Frage: Wieso kam es im Anschluss an die Oktoberrevolution in Russland nicht zu einer erfolgreichen Revolution im Westen?

Eine Antwort findet er in dem, was er Zivilgesellschaft nennt. Ein Staat bestehe nicht nur aus politischen Kräften, die Herrschaft durch Zwang und Gewalt ausüben, sondern auch aus der Zivilgesellschaft. Institutionen, Gruppen und Medien, deren Führung auf Zustimmung und Konsens beruht. Um die Vorherrschaft in einer sozialen Gruppe zu erlangen, braucht man beides: Man muss gegnerische Gruppen beherrschen und verbündete Gruppen anführen können.Die Macht einer herrschenden Gruppe muss also nicht nur durch Waffengewalt gestützt sein, sondern vor allem auch legitim erscheinen. Diese Situation beschreibt Gramsci als Hegemonie.

Bevor man in einem sozialen Gefüge die Macht übernimmt muss man die Führung übernommen haben (Das war laut Gramsci im Westen aufgrund der starken bürgerlichen Zivilgesellschaft nicht der Fall).Die Situation der Hegemonie ist allerdings keine „natürliche“ oder ewige Struktur, sondern ein Zustand, der ständig reproduziert werden muss, um als natürlich wahrgenommen zu werden.

Dieses Modell von gleichzeitiger Herrschaft und Führung beeinflusste unter anderem die feministische Gesellschaftsanalyse. So beruht das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit der australischen Soziologin Reawyn Connell, maßgeblich auf Gramscis Hegemoniebegriff. Connell versteht Hegemoniale Männlichkeit alsjene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleisten soll.“ (Connel, 1999)

Hegomiale Männlichkeit übt also gegenüber Frauen Herrschaft aus und ist gegenüber anderen Männlichkeiten die führende Praxis.

Gramsci prägte darüber hinaus noch weitere Begriffe, die in der Forschung eine breite Rezeption fanden. So sprach er vom ALLTAGSVERSTAND, vom GESCHICHTLICHEN BLOCK, KOHÄRENZ und KATHARSIS, von PASSIVER REVOLUTION und vom ORGANISCHEN INTELLEKTUELLEN.

Wer jetzt interessiert ist, was diese Begriffe zu bedeuten haben, der kann sich zum Beispiel folgende Bücher ausleihen:

Barfuss, Thomas; Jehle, Peter, 2014, Antonio Gramsci zur Einführung; Hamburg: Junius.

Becker, Florian, 2013, Gramsci lesen: Einstieg in die Gefängnishefte, Hamburg: Argument Verlag.

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